Buchrezension: Konstantin Fechter – Bürgerkrieg und Sündenbock

Die Reihe Kaplaken liefert mit Band 64 eine Behandlung eines uns bevorstehenden und daher brandheißen Themas. “Bürgerkrieg und Sündenbock” heißt das Büchlein und schickt sich an, den Bürgerkrieg als ‘’Orgie innerer Gewalt’’ von ganz neuen Blickwinkeln aus zu betrachten. Schon der Einstieg beginnt mythologisch – also scheinbar weitab vom Schuss profaner Tagespolitik. 

Der Autor Konstantin Fechter – Jahrgang 1988 – war als Betreuer von Opfern von Gewaltverbrechen tätig, arbeitete in Gefängnissen und ist gegenwärtig in einem Sicherheitsunternehmen als Berater für strategische Operationen tätig. 

Mit einer solchen Vita besitzt er sicherlich elementare Einsichten in den Zustand der menschlichen Psyche in Ausnahmesituationen. Er hat damit also das Werkzeug zur Hand, gesellschaftliche Tendenzen hin zu einem Bürgerkrieg nicht nur zu erkennen, sondern auch mehr als nur politisch zu deuten. 

Brudermord als Archetyp des Bürgerkriegs 

Kain und Abel, Romulus und Remus, Seth und Osiris – mythologische Urgeschichten aller Weltteile und Epochen sind voll von der wohl unverständlichsten Form menschlicher Gewalt: dem Bruderzwist. Unverständlich deshalb, weil der Streit zweier Brüder ‘’paradox’’ ist ‘’und doch eine besondere Intimität und Intensität’’ hat, so Fechter. 

Gewalt sieht der Autor nicht als ‘’Anomalie, die lediglich aus einem verdorbenen Charakter zu erklären wäre’’, sondern als einen ‘’Akt der Feindschaft, eine anthropologische Konstante’’. Kain und Abels ‘’Austauschbarkeit als Personen’’ und dass die beiden Brüder ‘’auffallend blaß im Vergleich zu anderen, weniger bedeutenden Figuren der jüdisch-christlichen Tradition’’ bleiben, ist neben der Einsicht in den Brudermord als mythologisches Ursymbol für den Bürgerkrieg wichtig in Fechters mythologischer Deutung im ersten Kapitel des Bändchens.

‘’Jeder Mensch könnte Kain und jeder Abel sein, jeder Täter und jeder Opfer.’’ Eine einfache Erkenntnis, die der ewigen Kainifizierung der Deutschen hin zum gebrandmarkten, reinen Tätervolk in den Opfer-Täter-Hierarchien unserer Zeit widerspricht und auch zur Vorsicht mahnt, sein Mitleid nicht leichtfertig an jedermann zu verschenken. Hass ist eben etwas, das man durch keine politischen Narrative los wird, das einem auch von Personengruppen entgegenschlagen kann, von denen man es nicht erwartet hat.

‘’Dunkle Eschatologie der Politik’’

In der Klimakatastrophe, der durch Übertechnologisierung hervorgerufenen Apokalypse und zuletzt auch dem Bürgerkrieg sieht Konstantin Fechter Erzählungen, die einen ”dreistimmigen Abgesang auf die Menschheit’’ darstellen. 

Der Bürgerkrieg nimmt in Fechters Analyse postmoderner Apokalyptik eine besondere Stellung ein. Anders als die Klimakatastrophe, die zur Staatsdoktrin erhoben wurde und der fortschrittsverursachten Postapokalypse, die in Pop- und Trivialkultur (Terminator, Fallout ect.) hohen Anklang findet, ist der Bürgerkrieg in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht präsent. Dem Verfasser zufolge liegt das daran, dass die liberale Gesellschaft ihren Untergang, verursacht durch ihre ihr wesentlichen Widersprüchlichkeiten, in ihm wittert und ihn darüber hinaus auch nicht versteht.

Man könnte anfügen: Da in der Postmoderne linke und liberale Narrative die Deutungshoheit darstellen, ist die Vorstellung eines Bürgerkrieges auch auf politischer Ebene für die Ideengeber störend, weil nur rechte Weltanschauungen genuine Gegenmittel und wirksame Umgangsformen mit einem solchen Szenario anbieten können: tradierte Gemeinschaft, sichere Grenzen, unbedingte Entschlossenheit zum Gesellschaftserhalt und eine respektable Leitkultur. 

falloutterminator
Terminator und Fallout sind Beispiele eines Typus postmoderner Apokalyptiken in der Populärkultur. 

Leviathan und Behemoth 

Klassischer Krieg zwischen sich fremden, verfeindeten Nationen findet in Fechters Werk nur als Randnotiz Erwähnung, und so rückt der Bürgerkrieg als einzig denkbares Szenario eines drohenden Zivilisationsbruchs in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Mit Recht, denn zu automatisiert sind wohl die politisch-ökonomischen Abläufe in einer hochtechnologisierten, vernetzten und globalisierten Welt und zu groß das Risiko eines atomar geführten Krieges, als das irgendein Staatsmann bereit wäre, ein solches zu tragen. 

Das hobbes’sche Spannungsfeld zwischen Leviathan (absolutistischer Staat) und Behemoth (Verlust jeglicher Ordnung) ist jenes, in welches Fechter seine düstere Seelenschau auf das Wesen des Bürgerkrieges legt und diese detailliert ausarbeitet. 

Noch ein dritter Bestandteil ist in seiner Abhandlung von zentraler Bedeutung.

Wie die Pharmakói das Religiöse politisch erklären 

Ritualisierte Menschenopfer, im antiken Griechenland φαρμακόη genannt – ein Wort, welches sowohl als “Gift” als auch “Heilmittel” übersetzt werden kann – dienen einer in sich zerissenen Gesellschaft als mystifiziertes Druckablassventil, als religiösifizierter Schlüssel zur Durchbrechung von mimetischen Gewaltspiralen oder zur Prävention derselben. Indem die Gewalt, die in Form eines drohenden Bürgerkriegs in einer unter der Spannung verschiedener politischer Interessengruppen stehenden Gesellschaft immer präsent ist, auf ein Ziel, einen Sündenbock, kanalisiert wird, wird sie neutralisiert und Frieden und Ordnung wiederhergestellt. Während Zeiten des Vorbürgerkrieges erscheint ein solches Opfer den politisch vorherrschenden Schichten als probates Mittel zur gesellschaftlichen Stabilisierung. Mythologisch betrachtet soll diese rituelle Nachstellung des Gründungsmordes aus dem ‘’Urzustand des Chaos’’ herausführen.

Bürgerkrieg und Sündenbock baut hier auf den Erkenntnissen der mimetischen Theorie des französischen Literaturwissenschaftlers, Kulturanthropologen und Religionsphilosophen René Girard auf. Fechter: 

‘’Insofern interpretiert René Girard eine der ältesten anthropologischen Gegebenheiten – Religion – neu: Sie ist nicht mehr in erster Linie eine Reaktion auf die Sterblichkeit des Menschen oder die Erklärung von Naturphänomenen sondern ein System von Riten, das den Zusammenhalt der Gemeinschaft garantiert.’’ 

Der aufmerksame Leser ahnt an dieser Stelle ungefähr in der Mitte des Buches bereits, worauf die Fechter´sche Deutung des schlimmstmöglichen innerpolitischen Zustandes abzielt.

bekanntchristus
Das wohl bekannteste Sühnopfer der Weltgeschichte   

Die Bundesrepublik und ihr giftiges Heilmittel 

Selbstverständlich gibt es solche Pharmakói als politisch-gesellschaftliche Klasse auch in der BRD. Über den Zustand selbiger konstatiert der Verfasser des Büchleins aber zunächst: 

‘’Anders als die Bonner Republik, welche im Zeichen einer zahnlosen Spätmoderne stand und sich nach einer gründlichen Entpolitisierung und schrumpfender Bevölkerung darauf vorbereitete, ein befriedetes Rentnerparadies zu werden, ist die wiedervereinigte Bundesrepublik ein Gebilde der Postmoderne. Es wäre verfehlt, die postmoderne Epoche ausschließlich mit postmodernem Denken gleichzusetzen, also jenem von Jean-François  Lyotard und Jacques Derrida gegen die modernen Rationalitätsbestrebungen entwickelten Denkansatz. Vielmehr hat sich in den Jahren um die Jahrtausendwende ein von diesem losgelöster Postmodernismus gebildet, ein diffuses Lebensgefühl des Ephemeren und Transitorischen das auch Individuen prägt, die weit abseits der postmodernen Schule stehen.’’ 

Und die Charakterisierung der Postmoderne erfolgt bei Fechter in einem Satz, der hoffentlich lange im Umlauf  bleiben wird. Er lautet: ‘’Postmoderne Zugänge zur Welt sind spielerische und unverbindliche Variationen des Unernstes.’’

Die bundesrepublikanischen Pharmakói sind die als solche etikettierten, doch eigentlich ziemlich heterogenen ‘’neuen Rechten’’: 

Ihre Gesinnung gilt nicht nur als gefährlich, sondern als geradezu bösartig. In neuesten Deutungen verpaßt man ihnen meistens das Etikett der neuen Rechten – ein Sammelbecken, in welchem sich vom Nationalkonservativen über Klimawandelskeptiker, Rechtspopulisten und evangelikale Christen bis zum Radikalliberalen oder ästhetischen Faschisten alles tummelt, was fundamentale Gesellschaftskritik übt, die nicht eindeutig dem linken Spektrum zuzuschreiben ist. Dieses Konglomerat zeichnet sich weniger durch eine gemeinsame Programmatik aus, sondern dient vielmehr als Projektionsfläche postmodernistischer Ängste.’’

Kleine Kritik am Rande

Einzige marginale Kritik am Inhalt des Buches wäre jene an den kurzen geopolitischen Einschätzungen Fechters auf Seite 56. Mit Ausnahme des Falles von Rußland und der Krim war ‘’der Westen’’ sicherlich nicht über den von ihm initiierten arabischen Frühling und seinen Folgen überrascht oder erschrocken, weil er seine Fähigkeit zur Prognose verloren hätte. Ebenso wenig über die Flüchtlingsflut, die ja dem Ziel der Multikulturalisierung europäischer Nationen dient. Hier sei die Lektüre von Manfred Kleine-Hartlages 2012 erschienenen Kaplaken ‘’Neue Weltordnung – Verschwörungstheorie oder Zukunftsplan?’’ ausdrücklich empfohlen. 

Wen meint Fechter hier mit ‘’dem Westen’’, der ‘’überrascht und erschrocken’’ gewesen sei? Den desinteressierten und apathischen Durchschnitt der Bevölkerung? Oder die Politik-, Finanz- und Wirtschaftseliten, die sicher einen ganz gewichtigen Teil der Folgen dieser für den Durchschnittsbürger desaströsen Politik mit einkalkuliert haben?    

Sei es wie es sei: Konstantin Fechters Kaplaken ist sprachlich intensiv und betrachtet den Bürgerkrieg als beunruhigendes Menschheitsphänomen tiefgründig aus verschiedenen Blickwinkeln. 

Wenn selbiger auch im letzten Kapitel als eine Möglichkeit zur Zerschneidung des gordischen Knotens postmoderner Gesellschaftsprobleme angedeutet wird, bietet der Autor gegen Ende hin eher versöhnende Lösungen und einen Weg des richtigen Umganges mit den gesellschaftlichen Spannungen an: 

‘’Eine Welt realistisch zu betrachten bedeutet, die Feindschaft in ihr mitzudenken. Wie eine Geschichte der Menschheit nicht ohne die Liebe geschrieben werden kann, so kann sie es auch nicht ohne die Feindschaft.’’ 

Absolute Leseempfehlung!

Bürgerkrieg und Sündenbock beim Antaios Verlag bestellen


Quellen:

Antaios Verlag – Die Hierarchie der Opfer

Warum sie den Hass nicht loswerden

 

 

 

2 Kommentare zu „Buchrezension: Konstantin Fechter – Bürgerkrieg und Sündenbock

Kommentare sind geschlossen.

WordPress.com.

Nach oben ↑

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: