Kali-Yuga now: Konstantin Fechters „Ober Ost“

Ober Ost ist der erste Roman von Konstantin Fechter und führt den Leser in das vom Krieg zerrüttete Baltikum in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Fechter, in Fachkreisen bestens bekannt für seinen kaplaken-Band „Bürgerkrieg und Sündenbock“, schickt per Geheimauftrag einen Rittmeister auf die Suche nach einem eigenwilligen Hauptmann, der mehr Mythos als Mensch zu sein scheint.

Beim Lesen des Klappentextes zu Konstantin Fechters Roman „Ober Ost“ fühlte ich mich unweigerlich an den Filmklassiker „Apocalypse Now“ erinnert. Statt der Flussreise nach Kambodscha gibt es hier jedoch einen Ritt durch das vom Krieg gezeichnete Baltikum des Jahres 1919. Deutsche Freikorpsverbände wie die Eiserne Division kämpfen gegen die vorrückende Rote Armee inmitten eines apokalyptisch anmutenden Szenarios, das im Laufe der Geschichte immer wieder mit dem Kali-Yuga, dem Zeitalter des Streits, Verderbens und Verfalls in Verbindung gebracht wird. Inmitten dieser Umstände macht sich der nur als Rittmeister bekannte Hauptprotagonist mit seinem Gefolge, dem auch ein gewisser Ernst von Salomon (Spoiler: Er überlebt) angehört, auf die Suche nach einem abtrünnigen Hauptmann namens „Mitras“, um den sich nicht nur allerlei Mythen ranken, sondern der auch über einen gewaltigen, vielleicht sogar göttlichen Nimbus verfügen soll.

Verlorene Länder, verlorene Posten

Bisher stammen alle von mir rezipierten Romane und Tagebuchaufzeichnungen, die in der Zeit des Ersten Weltkrieges angesiedelt sind, von Autoren, die zumindest Zeitzeugen waren. Bei Fechter, Jahrgang 1988, wird das natürlich schwierig. Es stellte sich während der Lektüre jedoch zu keiner Zeit der Eindruck bei mir ein, dass er nicht genau wüsste, worüber er hier schreibt. Wer den Roman mit dem Ziel lesen möchte, seine historischen Kenntnisse en détail zu vertiefen, könnte möglicherweise enttäuscht werden. Das Zeitgeschehen um die Handlung des Romans mag zwar – so weit ich das beurteilen kann – korrekt sein, aber hier stehen andere Dinge im Vordergrund: die Schicksale seiner sehr prägnanten Protagonisten und deren Haltung. Gut in Erinnerung bleiben wird mir beispielsweise der Baron von Vietinghoff, der in einem Akt adliger Gelassenheit auf seinem verlorenen Posten, dem Gut Triefels ausharrt: Ob mit oder ohne Rote Armee, der Ball wird auch in diesem Jahr stattfinden.

Parallel zur eigentlichen Geschichte erfährt der Leser im Rahmen von Rückblenden mehr über die Jugend des Rittmeisters, seine Ausbildung in der Kadettenanstalt und die Jahre im Ersten Weltkrieg. Sein Geheimauftrag versetzt ihn dann in die Position des Anführers eines kleinen Trupps junger Soldaten. Eine Situation, die immer wieder Fragen um das Verhältnis zwischen Führern und Geführten aufkommen lässt:

„Die Ostsee mußte in unmittelbarer Nähe sein. Eigentlich wußte der Rittmeister nicht, was sie dort außer einer trüben Aussicht vorfinden sollten. Er fühlte sich schuldig, den Jungen keinen besseren Plan bieten zu können, da er spürte, wie sie ihm blind vertrauten. Auch der zu Beginn störrische Brinkkamp hatte sich längst diesem Instinkt untergeordnet. Die Furcht, das eigene Leben zu verlieren, führte bei vielen Menschen dazu, die Verantwortung über dieses kostbare Gut an andere abzutreten. Dabei vergaßen sie gerne, dass ein Anführer manchmal nur derjenige war, der niemanden mehr finden konnte, an den er sich klammerte.“ (Konstantin Fechter, Ober Ost)

Überzeitlicher Ritt

Trotz der Tatsache, dass Fechter nicht selbst an den von ihm beschriebenen Fronten unterwegs war, scheint es so, als wären ihm die geschilderten Umstände nicht ganz fremd. Dem Klappentext von „Bürgerkrieg und Sündenbock“ (Antaios 2019) ist zu entnehmen, dass er in Gefängnissen arbeitete, Opfer von Gewaltverbrechen betreute und nun im Sicherheitsbereich tätig ist. Samt und sonders Tätigkeiten, die bleibende Eindrücke hinterlassen. Die Gräuel, die der Rittmeister auf seiner Reise durch das Baltikum auf seiner Suche nach dem fast schon sagenumwobenen Hauptmann Mitras zu Gesicht bekommt, lassen es an Deutlichkeit jedenfalls nicht vermissen. Damit soll aber auch nicht der Eindruck entstehen, es handele sich hier um Aneinanderreihung von Grausamkeiten. Es ist vielmehr die Gewissheit um einen unaufhaltsam voranschreitenden Zyklus, wenn preußisches Ethos auf eine im Untergang befindliche Welt trifft: Befehle lösen sich auf, Hierarchien zerbröseln, Ordnungen verschwinden, Menschen diffundieren im Chaos. Ein Übriggebliebener führt seinen Auftrag aus – bis zuletzt.

Fechters knapp über 200 Seiten starker Roman „Ober Ost“ ist im Arnshaugk Verlag erschienen und in traditioneller Rechtschreibung gesetzt. Wie auch sein kaplaken „Bürgerkrieg und Sündenbock“ (Rezension gibt es hier) kann er über Antaios bezogen werden: https://antaios.de/konstantin-fechter/

Zur Lektüre empfehlen sich lange Winterabende bei ausgefallener Heizung. Potenzielle Leser mögen es bitte vermeiden, dieses Buch zusammen mit der mittlerweile obligatorisch gewordenen Tasse Kaffee vor idyllischem Panorama abzulichten, um ihre Leseabsichten per Social Media der Welt mitzuteilen. Wer solches Gebaren „Ober Ost“ aufnötigt, sollte mit vorgehaltener Waffe zur Löschung gezwungen werden. Ansonsten fallen nach dem zehnten Retweet zwei Schüsse.

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